Hallo Dr. Sommer,
als ich noch ein Teenager war, habe ich gerne Ihre Beiträge in der Jugendzeitschrift „Bravo“ gelesen. Dies war sehr aufschluss- und lehrreich, denn viele der von Ihnen beantworteten Fragen, waren bewusst und unbewusst auch meine eigenen.
Zahlreiche Informationen kristallisierten sich als sehr wertvoll heraus, um für mich und meine Umwelt Verständnis und Toleranz zu generieren, auf meinem persönlichen Weg zur Frau Trost, Einfühlung, Neugierde, Begeisterung und Selbstliebe zu finden.

Dinge, die vorher Unbehagen und Unsicherheit in mir auslösten, wurden durch Ihre Erklärungen zu etwas Selbstverständlichem, Natürlichem.
Mittlerweile bin ich um einiges älter geworden, doch ich fühle noch immer dieselben Fragen und Themen in meinem Herzen pochen wie damals.
Mein Name ist Nele, der Name eines Mädchens, ein Name, der nie älter wird, der nie der einer Erwachsenen sein kann, oder? Er strahlt für mich so etwas In-Sich-Gekehrtes, Introvertiertes, Leises, Einsames, Zerbrechliches und Schüchternes aus, oder? Der Name der ewig 17-jährigen Schülerin.
Jedenfalls schreibe ich Ihnen, da ich große Sorgen und schwere Probleme habe. Es geht darum, dass ich wirklich ein unendlich schlechtes Gewissen habe, dass ich Menschen in meiner überschäumenden Schwärmerei und Verliebtheit so bedrängt habe.
Dadurch fühle ich mich momentan, zumal ich wieder einmal Bilanz ziehe, hundeelend.
Gerade fällt mir eine Szene aus dem Film „Eine verhängnisvolle Affäre“ ein. In jener brüllt Michael Douglas Glenn Close wutentbrannt an: „Und SO willst du das erreichen, indem du in meiner Wohnung aufkreuzt????!“, nachdem Glenn Close zu ihm gesagt hatte: „Ich will doch nur zu deinem Leben gehören dürfen!“.
Ich spüre diesen gebrüllten Satz immer noch in jeder Faser meines Körpers pulsieren, seine Impulsivität macht mir Angst. Bei mir ist es über zwanzig Jahre her, dass ich meine Angebeteten zu Hause besuchen wollte, um ihnen meine Liebe zu versichern. Ich dachte tatsächlich, sie wollten dies, würden sich freuen und darauf warten, und war demzufolge von ihrer Reaktion völlig vor den Kopf gestoßen.

„Willst du wissen, was mein eigentliches Vergehen ist?“, fragt Virgilia (Kirstey Alley) ihren Bruder kurz vor ihrer Hinrichtung in „Fackeln im Sturm“. „Mein einziges Verbrechen war und ist DIE LIEBE…“.
Niemals wollte ich irgendjemandem vorsätzlich schaden, das schwöre ich. Hingegen weiß ich, dass es passiert ist. Mir ist zum Heulen zumute, so schuldig und schlecht fühle ich mich. Indessen stehe ich vor den Trümmern und bin umgeben von den Scherbenhaufen, die meine Träume verursacht haben.
Und ich will mich so sehr bei all diesen Menschen von ganzem Herzen entschuldigen. Vielleicht können sie meine aufrichtige Entschuldigung irgendwann einmal akzeptieren.
Falls ich irgendeinen Schmerz zugefügt habe, tut mir das selbst unendlich weh.
Oftmals kündigte ich anderen gegenüber einen Wandel, eine Umkehr meines Verhaltens an, nur um kurz darauf aufgrund meiner Schwankungen wieder ins Fettnäpfchen zu treten, in die Falle der Idealisierung hineinzukippen.
„Warum lassen Sie mich nicht verhaften? Ich mein‘ das ernst.
Ich bin eine gefährliche, kriminelle Person. Ich mache böse Sachen mit ehrlichen Menschen.
Sie können ja eine Zivilfestnahme vornehmen, ich leiste keinen Widerstand.
Das wär‘, als würde man Al Capone wegen Steuerhinterziehung hochnehmen …“
(aus dem Film „Die Hochzeit meines besten Freundes“, 1997)
Ständig lebe ich mich gedanklich in Filmszenen hinein, spiele sie innerlich nach, um dieses intensive Hochgefühl zu erleben, nach dem ich süchtig bin.
Unbedingt wollte ich geliebt werden, ständig war mein Herz in Ekstase, wenn die Stimmen in meinem Kopf mir die angebliche Liebe und Aufmerksamkeit zusicherten, in Gefühlssuggestionen bescheinigten. Sie überrollten mich mit Liebesenergie, manipulierten mich, gaben vor, es wäre die Energie von anderen Menschen. Ich wollte ihnen so gerne glauben.
Ich bin ein Mensch, der immer alles für die Liebe tut. Der Gedanke an geliebte Menschen hat mich in meinem Dasein und Wirken unendlich inspiriert.
Ist das Wirken-Müssen vielleicht eine sehr überholte Form der Kontaktaufnahme? Selbstaufgabe statt Selbstverwirklichung?
„Und wie ist das Leben auf der Überholspur?“ Tess: „Es ÜBERHOLT – ziemlich schnell und geschäftig.“
(„Die Waffen der Frauen“, 1988)
Dennoch mobilisieren das Wirken-Wollen, die „emotionale Überholspur“ all meine Kräfte bei der Vorstellung, dass ich Liebe bekommen könnte. Bis jetzt hab‘ ich im Ernst daran geglaubt, dass irgendwann meine Träume wahr werden würden. Energetisch und schöpferisch erfahre ich einen Wachstumsschub, wenn ich träume.
In jeder Hinsicht will ich meine Träume auf andere Dinge konzentrieren, mich nicht mehr anhänglich an Menschen ketten.
Nach so langer Zeit hoffe ich, dass es diesmal funktioniert. Aber selbst wenn nicht, eventuell darf ich mich entspannen, wissend, dass nichts schief gehen kann, dass ich eines Tages so weit sein werde.
Und ich bin auf dem Weg!!! Meinen Weg mit allen Sinnen erleben, mich erkunden und ausloten, mich studieren, enträtseln und ergründen. Mich selbst und das Leben zu genießen. Dazu bin ich auf die Erde gekommen.
Bis wieder alles gut wird und ist, für uns alle – vielleicht kann ich dieses Gefühl auch jetzt für Momente in mein Leben, in meinen Alltag retten und es spielerisch erfahren. Denn es ist die konstante Wahrheit hinter dem Spiel.
Lieber Dr. Sommer, Ihre Tipps und Tricks für ein erfülltes Liebesleben waren einst herzerfrischend und vitalisierend wie der Sommer selbst. Wie ein Sprung ins prickelnd kühle Nass bei aufregend unbekannten Temperaturen!
Ich wünschte, ich könnte jetzt ihre Meinung zu meinem Dilemma hören bzw. lesen.
Jedoch, möglicherweise darf und kann ich selbst Antworten finden auf essentielle Lebensfragen, Meisterin meiner psychischen Probleme werden.

Erkennen, dass mein Leben kein Hollywoodfilm ist, dass das Drama aufhören darf– oder auch nicht. Vielleicht darf auch diese Reise mich noch ein wenig begleiten.
Also starte ich nun, von meinen höheren Sphären aus, neuerlich einen Landeanflug auf irdischen Boden.
Denn ich will niemanden mehr verletzen, das wollt‘ ich nie. Es tut mir so leid.
Eigentlich weiß ich, dass es um Schuld und die Strafe, die dieses Gefühl für mich ist, nicht geht. Ich darf mir selbst vergeben, ich will mir nicht mehr den Kopf zermartern.
Ich wünsche allen Personen, in die ich je verliebt war, alles Gute. In meiner Fantasie war ich immer schon so weit voraus, mit Liebe und Beziehung meine ich, weil ich eigentlich Angst vor der wirklichen Begegnung in Lebendigkeit mit ihnen hatte.
Sie werden mir stets etwas bedeuten und mir immer wichtig sein, immerhin gehören sie zu meiner Geschichte und haben mich geprägt.
Auch wenn ich keine Therapeutin geworden bin, der Zug für meine Selbstanalyse ist nie abgefahren, oder was meinen Sie?
Ich glaube daran, dass wir uns alle selbst zu helfen vermögen – und trotzdem vielen herzlichen Dank für ihre lebensnahen, bewegenden, aufheiternden und mitfühlenden Beiträge, die ich nie vergessen werde!
Liebe Grüße in inniger Erinnerung,
Nele –
die Frau mit dem intensiv fühlenden Teenagerherzen
