Warum
Nicht du
um der Liebe willen
sondern
um deinetwillen
die Liebe
(und auch
um meinetwillen)
Nicht
weil ich lieben
muss
sondern weil ich
dich
lieben
muss
Vielleicht
weil ich bin
wie ich bin
aber sicher
weil du
bist
wie du bist
(Erich Fried, 1983)
Liebe hat für das lyrische Ich in diesem Gedicht nicht den Zweck, die Leere im Inneren zu füllen. Sie entsteht durch die Begegnung und Interaktion mit dem lyrischen Du, nicht umgekehrt.
In meiner Wahrnehmung will der Absender des Gedichts nicht einfach irgendeinen Partner gewinnen, weil er in die Liebe verliebt wäre. Ist die Liebe dennoch seine Grundhaltung? Zumal man mit der Liebe auch weltoffen umgehen darf.
Verliebt er sich nur sehr selten und dann dafür umso intensiver?
Die Heraushebung des lyrischen Dus durch das lyrische Ich und die Unabsprechbarkeit der Gefühle des letzteren für das erstere schaffen eine leicht abhängige Atmosphäre der Absolutheit.
Ein Liebesbekenntnis, bei dem ich mich eingeengt fühlen würde und mich fragen würde, ob ich auch als diejenige gesehen werde, die ich bin.
Fernerhin, der Fokus des lyrischen Ichs auf sein Herzblatt wirkt sehr einsam, fast traurig sowie zärtlich zugewandt.
Liebe ist etwas, das uns alle angeht und wir sind nicht derart verschieden und getrennt, wie es für mich in diesem poetischen Text rüberkommt.
Einfache Wortwahl mit ganz großem Ausdruckskino. Ein einzelnes Wort in jeweils einer Zeile unterstreichen die Bedeutsamkeit, bannen und enthusiasmieren den Effekt. Ein Wort erscheint genauso wichtig wie das andere, keine Entscheidung ist notwendig – so findet alles eine Betonung.
„Warum“ von Erich Fried strahlt für mich (gleichsam wie viele andere Gedichte des Poeten) Einzelkämpferdasein und Melancholie aus, die sehnsüchtig überwunden werden wollen.

Großes Begehren und emotionale Intensität reichen sich ebenso die Hand wie Alleinsein mit sich selbst und eine vibrierende Hoffnung, die alles andere als zaghaft ist, dass sich die Wunde im Herzen durch Nähe und Gegenwart der geliebten Person auslöschen lässt.
Ist Liebe etwas, das erst aufkommt und wächst, wenn man jemanden trifft, der einen besonders berührt?
Diese Frage erinnert mich an den Film „Sodbrennen“ (von Mike Nichols, 1986), als Rachel (Meryl Streep) zu Mark (Jack Nicholson) nach der Geburt ihres ersten gemeinsamen Kindes über sich selbst sagt: „Du wirst auch geboren, ein ganzer Teil von dir, von dem du nicht einmal wusstest, dass du ihn hast. Plötzlich hast du all diese Liebe zu verschenken …“.
Bei mir fühlte es sich exakt andersherum an, ich spürte stetig so viel Liebe und wollte deswegen ein Baby. Mehr noch, ich wusste, wie sehr ich es lieben würde und wollte endlich meine Gefühle zum Ausdruck bringen.
Wenn mein kleiner Baby-Bruder früher gequengelt hat, war ich nie genervt oder wütend, vielmehr war meine Strategie: Sanft und unaufdringlich trösten, trösten, trösten, indem ich ihn mit Liebe und Zärtlichkeit überschüttete. Im Gegenteil, ich fand es so süß, niedlich und herzerwärmend, wenn er sich in Form von Geräuschen „meldete“, Zeichen von sich gab.
Im zweiten von insgesamt drei Versen ohne regelmäßiges Metrum beschreibt das lyrische Ich, dass es nicht aus Verpflichtung und Gedrängtsein liebt; hingegen sind sein Wille, seine Entscheidung trotz alledem frei, wenn es das lyrische Du „lieben muss“? Möglicherweise, weil ersteres soviel Empathie und Rührung für die Schwächen von letzterem empfindet, sein Gegenüber ihm nach anfänglicher Verliebtheit so sehr ans Herz gewachsen ist?
Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Im ersten Vers befindet sich der Adressant auf einem Kurs des Liebens einer für ihn einmaligen Person. Dass die Liebe nicht nur für diese Person ein Geschenk ist, sondern auch für den Verfasser des Gedichts, zeigt sich in den in eine Klammer gesetzten Worten am Schluss des ersten Verses. (und auch um meinetwillen).
Doch warum die Klammer?
Wenn man jemanden eventuell liebt, nur um ihm/ihr etwas Gutes zu tun, sich aufopfert und selbst nichts davon hat, wäre man dann vielleicht im Helferlein-Syndrom?
Oder hat man automatisch, wenn man Liebe verschenkt, etwas davon? Auch wenn nichts zurückkommt, kann diese Haltung, wenn man sie wählt, glücklich und frei machen, denke ich. Es ist eine Art durch die Welt zu gehen, ohne irgendwo kleben bleiben zu müssen.
Das lyrische Ich muss sich nicht unter seinen Empfänger stellen, sich nicht weniger wichtig nehmen, denn in seinem Leben ist es selbst der Regisseur. Eine Wiederholung dieser Thematik geschieht im dritten Vers.
Eine eindeutige Bekenntnis, die vollkommene Zusage zum Charakter und zum Wesen des lyrischen Dus erfolgen, während das lyrische Ich die eigenen Beweggründe und sein Selbst inklusive dessen individuelle Facetten leicht verhüllt und hintanstellt.
Es könnte ja ebenfalls sagen: „Ich liebe dich, weil mir jeansblaue Latzhosen bei Frauen so gut gefallen.“ oder „Weil ich mich mit dir so gerne über Esoterik unterhalte.“
Ansprüche, Ego und Profil des lyrischen Ichs gehen verloren, werden nicht artikuliert.
Erich Fried war außergewöhnlich im Zeigen von Gefühlen, er verschleierte seinen verletzlichen Kern nicht, was mich zum einen sehr anspricht.
Ach, ihr Lieben, ich bin einen kleinen Funken erwachsener und nüchterner geworden, was das Verliebtsein anbetrifft, was sagt ihr? Das Gedicht war heilsam, ich weiß, man kann es auch auf eine andere Weise interpretieren – mit mehr Selbstverständlichkeit für den lyrischen Text – jedoch für mich war der kritisch hinterfragende Blick sehr konstruktiv! Jedenfalls hab‘ ich mich ein wenig gewandelt in meinem Lernprozess.
Für den Mann meiner Schaumträume werde ich mir auf jeden Fall noch eine Latzhose, einen eleganten Jeans-Jumpsuit besorgen und ihm immer den Schweinsbraten versagen! Für ein bisschen Humor in der Selbstdramatisierung.
Auf den ersten Blick bin ich gleich wieder verträumt in das Gedicht hineingestolpert, bis seine im Nebel versteckten Tücken mich zweifeln ließen, ob ich so fühlen würde wollen.
Dass es stetig nur der „Eine“ sein kann, meine ich, egal was er abliefert (bzw. nicht abliefert!).
Die schreibende Seele dieser Poesie wirkt auf mich sehr beständig und treu, aber für meinen Geschmack zu anhänglich.
Ach- da wird mir schon wieder der Spiegel vorgehalten – ich sag’s euch, auch wenn ich mich noch so über kühlere, distanzierte Männer ärgere und beschwere – my complement💜💜💜!
Andererseits, wenn ER einen ständig ignoriert und so tut, als ob man gar nicht da wäre, nicht existieren würde, kann das sehr frustrierend, zermürbend und wutentfachend sein.
Aber wer bin ich wirklich, wenn ich in mir ruhe? Ist jede/r tief ins sich drinnen sowieso ein Bussibär?
Ich wünsche euch noch einen tollen Tag, im Sinne der wiedergewonnenen Freiheit, wie ich sie fühle. 🌞
Ein dickes Bussi für den kleinen Jungen, der während meines Spaziergangs an der Donau stehenblieb und mir ein Kompliment bezüglich meines Sommerkleides aussprach. Dank dir so sehr, du hast meinen Tag verzaubert. 😘 🌟
Alles Liebe,
Barbara💫
