Auf der Hut davor, erkannt zu werden – Tagebucheintrag eines verletzten Menschen


Anhand des Films “Catch me if you can” von Steven Spielberg, 2002

Leonardo DiCaprio in der Rolle des Frank William Abagnale Jr.

Basierend auf teils wahren Begebenheiten


                                                                                                    5.Mai 2000

Liebes Erinnerungsbüchlein,

du bist mein bester und einziger Freund, mein verständnisvolles Screenshot- und Shortcut-Diarium, in das ich Momentaufnahmen auf ewig einfriere. Wenn ich dir Geheimnisse anvertraue, den Stift in meiner Hand diesbezüglich instrumentalisiere, entstehen Nähe und eine Bindung, die uns eins sein lassen. Viel mehr, als wenn ich am PC sitze und in die Tastatur tippe. Wenn ich mit der Hand schreibe, knote ich ein Freundschaftsband, ich flechte meine Gedanken in deine Zellstofffasern.

Es ist mir ein dringliches Anliegen, dich daran teilhaben zu lassen, wie herumgeschubst, herumgestoßen und ausgestoßen, misshandelt und geknechtet, wie verloren und alleingelassen ich mich fühle. Fußmatte, Lachnummer, Albtraumstress.

Kaum auszuhalten ist es für mich, mich anpassen und funktionieren zu müssen. Deswegen rebelliere ich zusehends, entziehe mich allen Verpflichtungen und Verbindlichkeiten. Zu rebellieren bedeutet für mich, meine Identität zu spüren und zu unterstreichen, sie zu verteidigen, ihr Freiraum zur Entfaltung zu geben.

Denn ich will kein maschinierter Hampelmann werden, der sich in Gebilde verkrampft und sich vielfach mit Ordnungsprinzipien zuknöpft. Ich selbst bin mein eigener Trend, indem ich mich erfinde. Aussteiger statt Adaptor.

Momentan überkommen mich allerdings Verzweiflung, Schmerz und ein Gefühl der Erniedrigung. Unvermeidlich erscheint es mir, dagegen ankämpfen zu müssen, dass mir und meiner Familie alles weggenommen wird.

Ach Dad, ich wünschte, Mum würde ihre Liebe zu dir nicht davon abhängig machen, ob du ihr eine schicke Wohnung, Ansehen und genügend Geld bieten kannst. Obendrein spüre ich diese Kriterienaufrechnung ebenso erschlagend bei meinen Mitmenschen und in deren Partnerwahl.
Warum sind wir Mum nicht ausreichend wichtig und liegen ihr so am Herzen, dass sie nicht sogar mit uns in ein Kellerloch, mehr noch in ein Pappkartonhäuschen am Straßenrand ziehen würde?

Wenn diese Voraussetzungen gegeben wären, dann könnte ich die Welt wieder ertragen. Danke Dad, dass du auf meine Streiche und ausschweifenden Eskapaden mit einem Lächeln reagierst.☺️💚

Vor eurer Trennung hingegen muss ich davonlaufen, fliehen in ein Leben, in eine Scheinwelt, in der ich mir einreden kann, dass wir alles haben, zu den Gewinnern gehören.
In jenem Augenblick, als Mama und du mich gefragt habt, bei wem von euch beiden ich in Zukunft leben will, wurde mir das Herz herausgerissen, ich bin zerbrochen und weggerannt, konnte mich dem Drama in mir drinnen nicht stellen.

Einige Zeit zuvor hattest du mir zum 16. Geburtstag ein Sparbuch inklusive Scheckheft geschenkt, da war eine Vision in mir entstanden.

Es tut mir so weh, dass dein Unternehmen gescheitert ist, Paps, ich werde uns alles zurückholen, und Mama und du feiern neue Flitterwochen.
Du bist kein Versager, lass dir das nie einreden, bitte. Das Leben nehme ich als so hart wahr.

Immer wieder erschaffe ich mich neu, fälsche mit brillanter Geschicklichkeit und Genauigkeit Schecks und Urkunden, umgehe dadurch das Konzept von Ausbildungen – Crash Boom Bang – plötzlich bin ich Lehrer, fernerhin auf einmal Pilot, sogar James Bond, dann Arzt, ein anderes Mal Anwalt und vielleicht auch GOTT?!

Abermals, bestimmt dauerhaft ein Seltenheitsexemplar der erfundenen Autorität, der tatsächlichen Cleverness und der effektiven Imposanz. Nur falls mein Leben einem Abenteuerroman entspricht, vermag es meine Qualen zu betäuben.

Warum will ich stetig das werden, was mir im Fernsehen vorgeführt wird? Dieses Wissen reicht aus, um Menschen blenden zu können – ein Crashkurs im Lapidarstil – unglaublich!

Ohne Zweifel, Erhabenheit, ja, Erhabenheit ist der Schlüssel gegen die Ohnmacht, gegen das Mich-Ausgeliefert-Fühlen. Indessen ist sie es wirklich? Dementgegen, mich meinen Gefühlen auszusetzen, dafür fehlen mir Kraft und Mut.

Obwohl ich in meiner Intention, den Rechtsstaat gefinkelt zu umgehen, beinahe übermenschliche Schläue und Kräfte entwickle. Auf jeden Fall will ich UNZERSTÖRBAR sein und meine Ängste vollständig besiegen.

Unfassbar ist es, wie sehr die Kleidung dazu beiträgt, wie man gesehen und wahrgenommen wird. Weiters, wie sich das eigene Gewand auf das eigene Verhalten auswirkt, wie es Selbstvertrauen schenken und entziehen kann, wenn man sich geistig in dieser Wahrnehmung befindet und es zulässt.
Dabei ist diese künstliche Hülle doch keinesfalls die Seele! Das Darunter, die Schätze im Inneren werden in der Gesellschaft des Öfteren kaum wertgeschätzt, darüber hinaus ignoriert, wirken für oberflächliche Menschen als nebensächlich oder geradezu nichtssagend.

Mithilfe dieses psychologischen und soziologischen Wissens betrüge und belüge ich Menschen, mein Dasein ist ein unkontrollierter Streifzug durch den falschen Glanz, durch Partys, geschauspielertem Führungsauftreten, Verrücktheit und dem Ehrgeizfaktor, der sich konstant erfüllt, wie eine Droge wirkt. Ich konsumiere massenhaft fremdes Geld, Frauen, High Society Life, Champagner und Kaviar. In diesem Spaß vergesse ich meine Sorgen. Zudem schleiche ich mich psychedelisch überall dort ein, wo es berauschende Höhenfreiflüge gibt.

An das Gute kann ich überdies kaum mehr glauben, da mir die Schwachpunkte – Neid, Präpotenz, Herzlosigkeit, Opportunismus, Seichtheit und Raffgier meiner Mitmenschen überaus drastisch auffallen, ich diese beängstigend klar durchschaue.

Gleichermaßen fühlt es sich so an, als ob ICH deren Lernaufgaben aufgebrummt bekomme, wie wenn diese sich auf mich übertragen würden. Und indem ich als Hochstapler und Übermanipulator die Marionetten tanzen lasse, kreiere ich nicht nur ihr Wunschbild der Kompetenz von mir, sondern ich kann auch meinen selbstgeschaffenen Kosmos aufrechterhalten. Es ist fast so, als ob ich das Böse austrickse. Als wenn ich eine Bombe füttere, die unweigerlich irgendwann explodieren wird. Je mehr Zeit vergeht, desto größer wird der Schaden. Bringe ich nur die schmutzige Wäsche auf Hochglanz, zumal ich das bekomme, was jedem Menschen zusteht? Glück Wohlstand, Freiheit.

Jedoch werde ich ebenfalls von Unglück, Rufmord und UNFREIHEIT überfahren. Auf schmerzliche Weise.
Rettet mich vor mir selbst, hört auf mich eiskalt zu jagen, erkennt den Menschen in mir, und helft mir dabei, meine verwundete Seele zu heilen!!

„Deine Welt war auf Sand gebaut, ABER DU HAST ES NICHT DURCHSCHAUT.“ (Mitunter prägt dieser Satz den Zustand einer Psychose)

Nur du, geliebtes Tagebuch, weißt alles über mich, dir vertraue ich meine einsamen Nächte, die leeren Partys, meine enttäuschen Träume, meine Isolation an. Schließlich fühle ich mich herumgeschubst vom LEBEN, wie oft diente meine Sensibilität der Belustigung anderer, darüber hinaus fungierten meine Verletzungen als Freibrief, mich kleinzuhalten. Wie häufig erlebte ich Mobbing, wie oft wurde ich vertrieben, niedergeschrien, verjagt, hinausgeekelt und zum Sündenbock abgestempelt, letztlich wurde ich immer wieder selbst betrogen und verraten, und das von Menschen, die ich liebte …

Aber ich erhebe mich über all das immer wieder, wachse allen über den Kopf hinaus. Ja, ich werde es ihnen ZEIGEN, ich werde es ALLEN zeigen … meine Selbstrettungskampagne, wie erfolgreich und selbstständig ich aus eigener Kraft sein kann, ich biege mir die Gesetze zurecht. Mache mir die Welt, wie sie mir gefällt.

Mein allerliebstes Journal, du wundervoller Begleitungssegen, du bist geduldig, kannst am besten zuhören, bist aufmerksam, vertrauenswürdig, offenherzig und ohne Urteile, wie sonst niemand. Du gibst mir glücklicherweise keine Ratschläge, sagst mir nicht, was ich tun soll.

Deine Seiten sind weiß und leer, du wartest nur empathisch, interessiert und unvoreingenommen auf meine Geschichte, reglementierst mich keineswegs, bist nie mechanisch oder erstarrt.

Wahrlich, ich kann keine ernsthafte Liebesbeziehung eingehen, weil mein Lebensstil auf Lügen aufgebaut ist. Sobald ich meine Show enthülle und meine Tarnung aufgebe, platzt der Traum vom gemeinsamen Glück automatisch.

Manchmal würde ich so gerne anderen die Wahrheit sagen, doch jedes Mal ist mein Kartenhaus zusammengestürzt. Infolgedessen bin ich verloren gegangen.

Liebend gern würde ich meine Eltern in Harmonie und Frieden zusammen sehen. Ich wollte doch stetig ausschließlich die Bilderbuchidylle aus dem Fernsehen erfahren, nicht als Akteur, sondern als das Kind, das ich war!
Und als das ich mich noch immer fühle.

Fürwahr, ich wünschte, ich würde mich nicht vom System und vom Geld getreten und ausgepeitscht fühlen. Dem, was andere über mich denken, völlig die Macht über mich entziehen und meine Fassade auffliegen lassen. Meine Liebe fürs Leben finden und glücklich sein.

Wie wird mein Leben weitergehen, sag es mir, wie wird diese Causa enden? Ist es wirklich so, dass am Schluss immer die Bank gewinnt?

Adieu und liebe Grüße! 🥺😢