Gedanken in der Disco


Es ist so laut, dass ich am liebsten auf den Mond fahren will, um von dort aus zu beobachten.

Ich falle in Ohnmacht dabei, dass so viele Menschen auf mich zukommen.

Schade, dass ich mich nicht so ins Vergnügen fallen lassen kann, wie ich in Ohnmacht falle.

Menschen, die sich körperlich so nahe sind und die sich künstlich voneinander entfernen, da sie auf Körperlichkeit fixiert sind.

Es ist nicht böse oder schlecht, oberflächlich zu sein, aber mir tut es weh. Ich spüre oberflächliche Blicke am ganzen Körper kribbeln.

Das, was Menschen hier miteinander erleben wollen, währenddessen und danach, suche ich nicht.

Und dennoch fühle ich mich high, in all meiner Hemmung geschmeichelt vom Interesse anderer.

Wow, es ist unglaublich, dass ich Menschen faszinieren kann, aber was kann ich wirklich von ihnen haben?

Der Wind des Tanzes vernascht mich wie ein jungfräulich vertrocknetes Herbstblatt. Er wirbelt mich auf.

Ich brauche die Augen meiner Freundinnen, in die ich sehen kann, um Vertrauen zu fassen, Halt zu finden.

Wie sehr will ich wie die anderen sein, einfach nur das Amüsier-Feeling genießen!

Partykick am Dancefloor im bunten Lichterfeuerwerk. Selbstbewusstsein, spontaner Salto (!), perfekter Sound durch musischen Flow des DJs.

Rhythmische Beats und dazu sexy sein, doch wofür? Um was zu beweisen?

Bin ich eine Spießerin, eine prüde Spielverderberin?

Mein Selbstwert, der sich abwechselnd hebt und senkt.

Gedanken ausschalten, an nichts denken und einfach tanzen.

Mit anderen zusammen sein, umgeben und getragen von genial cooler Musik. Symbiose zwischen Musik und Tanz.

Es ist immer wieder erstaunlich, zu sehen, welch lasziven Effekt Alkohol auf Menschen hat, wie sehr sie zu Menschen werden, die sie sonst gar nicht sind. Wie sie sind, wenn sie den Verstand und die Kontrolle loslassen.

Schüchterne Tanzschritte meinerseits. Text, den ich mitsingen will, ohne ihn zu verstehen. Ich war nie begabt in Hörübungen, Schreiben war und ist immer leichter.

Ein wunderbares Spielfeld, um an meiner Spontanität und Leichtigkeit zu feilen, nicht nachzudenken, was andere Leute von mir denken …

Ich hab mir den Film “Taylor Swift: The Official Release Party of a Showgirl”, der anlässlich der Veröffentlichung ihres neuen Albums in den Kinos lief, angesehen. Es war wirklich super, das Video “The Fate of Ophelia“ auf so einer großen Leinwand zu erleben.

Es ließ mein Popmusik-Herz höherschlagen, zumal ich nicht nur in Liebesdingen, sondern auch in meiner Ausstrahlung als Frau in die Welt von Ophelia in William Shakespeares “Hamlet“ und in die Atmosphäre dieses Videos geschlüpft bin. Oft stelle ich mir vor, dass ich dazu singe, fast immer Playback,  auf diese Weise kann ich die Schwingung am besten einfangen.

Schade finde ich, dass in den Szenen nicht Menschen in allen Körperformen vorkommen. Gottes Schöpfung bringt Verschiedenes auf die Welt in allen Formen und Farben. Es wird transportiert, als ob wir alle genormt und gleich aussehen müssten, die Buntheit wird durch ein Stereotyp in synchronen Bewegungen scheinbar überdeckt. Wer sagt, dass alles sexy und ästhetisch sein muss? Außerdem – nicht, dass es darum ginge – jeder Mensch kann sexy und ästhetisch sein, auch dicke Menschen, Menschen mit Falten, Muttermalen, Krampfadern, Besenreisern, starker Behaarung, … .

Vor einigen Jahren war ich auf einer Weihnachtsparty im Neuromed Campus und tanzte mit einem Pfleger, der doppelt so füllig wie ich war. Manche machten sich lustig darüber, wie wir dabei aussahen, aber mir war dies egal, ich genoss es und denke noch gerne daran zurück!

Nach allem, was mir in diesem Leben passiert ist, habe ich keine Angst vor Reinkarnation. Ich habe beschlossen, dass ich in meinem nächsten Leben nicht in einem reichen Land geboren werden will und dass ich nicht hübsch sein will. In Wahrheit sind wir alle gleich schön, es ist nur das Ego, das ab und an will, dass wir mehr sind – in allen Bereichen. Ich will für meine Seele geliebt werden, mich nicht mehr abstrampeln, irgendetwas beweisen zu müssen. Vielmehr sehne ich mich nach einem wahren Liebesbeweis …