Als sie geboren wurde, unter dem königsblauen Erdenhimmel, von dem aus sie frisch und unschuldig gekommen war, war sie das erforschend blühende Leben.
Man gab ihr den Namen Ana Shiva Natalia und sie war noch etwas blau hinter den Ohren.
Von Anfang an war es eine ihrer Lieblingsfarben, denn viele meinten, dass „blau“ so gut zu ihr passen würde, da in ihren Augen ein mittel- bis dunkelblauer Ozean schwamm.
Ana Shiva hatte sich selbst das Blaue vom Himmel versprochen, insbesondere, wenn sie jemanden blauäugig anhimmelte.
In Momenten, wenn sie verträumt „Ich liebe dich.“ sagte, bekam sie nur ein schnelles, oberflächliches, himmelloses „Ich dich auch.“ zurück, statt einem ebenso verträumten, mystisch verschmelzenden „Ich liebe DICH.“. Der Unterschied zwischen ihr und dem unsensiblen Antiblau-Wal fiel ihr schmerzlich auf.
Denn sie war fast betrunken – blau – wenn sie Komplimente und Liebesschwüre bekam. Dann schimmerte sie und ebenso ihre azurblauen Augen leuchteten wie ein mit Diamanten besetzter Saphir.
In der Schule hatte sie stets blau gemacht, um nicht ihr blaues Wunder erleben zu müssen.

Als sie später im Krankenhaus war, hatte sie viele besondere veilchenblättrige Kleebegegnungen, die für ihr Herz von blauem Blut waren.
Einem Mädchen dort erzählte sie, dass sie sich in einen Arzt verliebt hätte, der wie ein eitler Pfau herumspazieren würde. Infolgedessen sagte das Mädchen: „Ana Shiva, warum müssen das immer so hochstudierte Männer sein? Warum verliebst du dich nicht einmal in einen Loser?“
Im Blues verweilend antwortete Ana: „Ich bin eigentlich gar nicht so oberflächlich, weißt du?“. „Ich weiß, Ana Shiva.“, antwortete das Mädchen mit der bläulich blassen Haut, das Mädchen, das so wunderbar zeichnen konnte und das sich gern mit dem Gitarrespielen beschäftigte, sanft.
Ana konnte vieles einfach nicht anders wahrnehmen.

Bild: Anonym
Es schien so, als ob Ana Shiva Natalia nichts anderes als „blau“ sehen konnte. Überdies liebte sie Weintrauben, Blaubeeren und Brombeeren, Vergissmeinnicht, Krokusse und Iris, verwendete Veilchencreme und verehrte die kühle, majestätische, edel elegante, beruhigende Ausstrahlung der Farbe.
Blaue Rosen als Zeichen geschlechtsneutraler, wertfreier, unendlich treu ergebener Liebe hatten es ihr ebenfalls angetan. Blau waren für sie die Ewigkeit, das Himmelreich, Philosophie und Spiritualität.
Vielleicht war jener visuelle Ton die energetische Blaupause ihres Daseins.
Des Weiteren wirkte Salbeitee heilend auf sie. Glockenblumen, Gerbera und Hortensien ließen ihr Bewusstsein fröhlich, geborgen und lebendig hüpfen und springen und sie fragte sich, wie es wohl wäre, wenn der Schnee pink, die Wiese orange, das Gänseblümchen zu ihren Füßen türkis wären. Ein kunterbunt vermixter Farbenkuddelmuddel. Kurzum was wäre, wenn die ganze Welt wie eine endlose Gletscherlandschaft in blau erstrahlen würde?

Auch das menschliche Gemüt konnte definitiv von diesem Farbkleks profitieren.
Als sich Ana Shiva Natalia eines Tages wiederum klein und ungenügend fühlte, und erleichtert erwähnte, dass ihr Ex-Freund gesagt hatte, dass ihr Körper zu ihr passen würde, äußerte das Mädchen im Krankenhaus: „Ana, dass irgend so ein dahergelaufener Typ einer so wunderbaren Frau wie dir sagen darf, wie ihr Körper aussehen darf, das kann es einfach nicht sein.“
Die Worte prägten sich Ana ein und veränderten ihr Leben nachhaltig, sie hatte nämlich immer geglaubt, sich unter den Männern kleinmachen zu müssen.
Tatsächlich, die Dahergelaufenen, für jene hatte Ana eine besondere Schwäche. Von jetzt an wollte sie Frauen Mut machen, ihnen Hoffnung geben, sich dahingehend zu emanzipieren, anstatt sich ständig grün und blau ärgern zu müssen und blaue Flecken der Verwundung in der Seele zu spüren.

Bild: Anonym
Alle Frauen konnten sich diesbezüglich unbeschwert zurücklehnen und die Feste der Selbstliebe feiern, die ihnen zustanden.
Mit den Blauschattierungen und -facetten im Universum vermochte Ana Shiva Natalia grenzenlos zu fließen, sich treiben zu lassen und es gleichzeitig auf den Punkt zu bringen. Sich mit Blau zu verbünden, das Ehrliche, Seriöse und Entspannende zu fühlen, ins Blaue (möglichst im Grünen) zu fahren, sich in violettes Licht hineinzumeditieren.
Blaue Tinte war für sie ein erlesener Duft, eine sinnstiftende Zauberflüssigkeit, Aroniasaft ein balsamischer Zaubertrunk. Selbst das unbekannte Blau schien vertraut zu sein. Durch Blau zu tauchen war ein
Fruchtblasen-Feeling à la perfection.
Von jenem Mädchen hatte sie viel gelernt. Sie empfand eine diskrete, herzverbundene Freundschaft für sie.
Dass es nicht darum ging, Anerkennung zu bekommen, gut dazustehen, dem Erfolg hinterherzulaufen oder gar abhängig von der Meinung anderer Leute zu sein, sich in Rollen zu verlieren.
Fernerhin wurde es ihr wichtig, zu sich zu stehen, sie selbst zu sein und ohne Erwartungen Liebe zu geben, hilfreich zu sein.
Vor allem erfuhr sie, dass sie selbst genau die erfüllende Fundgrube an Emotionen war, nach der sie suchte, zudem der Schatz war, nach dem sie sich hingebungsvoll sehnte, der sie sein wollte.
Und dass sie genauso war, wie Gott sich durch sie, einen Teil von ihm/ihr, sehen wollte.
Zum Beispiel, manchmal wundersam tiefblau wie ein selbstbewusstseins- und aufrichtigkeitsfördernder Lapislazuli …
