Sie sah sich selbst spiegelverkehrt in dem, was sie für Wirklichkeit hielt. War die Wirklichkeit nur ein Spiegel der Wasseroberfläche, in der sie sich gespiegelt sah? Zerbrochene Splitter ihrer fiktiven Fassade schwammen uferlos durch alle Ozeane. Wirklichkeit war zum gläsernen Mysterium geworden, das trotz all dem erstrebenswert funkelndem Forschen unergründlich und maskiert blieb.
War sie die Person, die sie im Spiegel erblickte? Oder war dieses Bild ihres Körpers nur loser Tand, ein lustiger Pfand, ein nichtssagendes Gewand, die sich ihre Seele aus Jux und Tollerei angezogen hatte?
Da war es wieder, dieses Lächeln, das ihr der Spiegel unwirklich von ihr selbst wiedergab. Sie berührte es sehnsüchtig in der Hoffnung, die eigene Wirklichkeit, sich selbst zu fühlen. Spielte der Spiegelnarr mit ihr verstecken? Sie und der Spiegel teilten ein intensives Band, eine Beziehung die man nicht einfach ins Abstellfach legt. So viele Gefühle und Wünsche hatte sie schon auf ihn projiziert.
War das, was ihr der Spiegel spiegelte, die Antwort? Strafe oder Belohnung? Liebe? Hass? Gleichgültigkeit?
War er trotz ihrer Unsicherheit sorglos und fröhlich geblieben?

Die Persönlichkeit des Spiegels war gleichzeitig glatt und fragil. Zeigte er ihr wirklichkeitsgetreu und unbarmherzig die Mängel ihrer Selbstbewunderung im Spiegelsaal, in dem sie von allen Winkeln und Seiten die unliebsame Spiegelung aufgezwungen bekam? Während ihrem Wunschbild im flexibel gerichteten Handspiegel die Luft zum Atmen fehlte ob der künstlich eingenommenen Posen?
Das Spiegellabyrinth brachte keine zufriedenstellende Auflösung der Wirklichkeitsfrage. Die Person, die ihr im kosmischen Spiegel entgegensah, war sie ihre astronomische Zwillingsschwester? Von klein auf sah sie das Gesicht, das sie täglich im Spiegel sah, am Himmel leuchten, verbunden mit ihrem Namen = Gott. Würde diese Stunde der Wirklichkeit? einmal schlagen?
Es hatte früh begonnen, dass sie das tatsächliche Spiegelbild aller Spiegel sein hatte wollen, ein Spiegel, der weich zum Angreifen wie eine Kuscheldecke war, der ausschließlich Schönes zeigte, demnach zufolge nichts anderes als die Wirklichkeit offenbarte …
Das Blut gefror ihr zu Bloody Mary-Eisperlen, wenn Spiegeltrolle sich Scherze mit ihrem Antlitz erlaubten, ihr Gesicht fahl und im kühl matten Grauton, kümmerlich, lustlos und transpirierend stylten.
Ein Gesicht, mit dem sich jeder hätte anfreunden sollen – das eigene. Auch wenn die Wirkkraft von Dingen, die als absolut wirklich dargestellt wurden, drückend, zudringlich und beschneidend schien, war ihre grobstoffliche Faszination von Rechthaberei und Autoritätsbewusstsein ungebrochen. Hormone und Alkohol konnten einem Spiegel zu Kopf steigen, Vielfachkopien des eigenen Selbst im zerstreuend verrückenden Spiegelkabinett erzeugen.

Die Launen und Unebenheiten der Fantasie flimmerten geheim hinter dem Bildschirm des Nachttraumspiegels. Manchmal schien sich die Luft schwer und unbeweglich in die Lunge zu tasten, den Vorgang und die Notwendigkeit zu vertiefen, die Wirklichkeit anscheinend entspiegelt verursachten.
Wohin nur war der Traum vom Idealspiegel versunken? Wo schwirrte das realitätsverweigernde Dahindämmern im Spiegellicht durch die Dunkelheit?
Der Spiegel und sie selbst waren nach all den Jahren Freunde geworden, eine warmherzige Plattform war entstanden, wo Misstrauen, Missgunst, Angst vor Hässlichkeit oder Arroganz, Stolz, überbordende Eitelkeit und Bestätigungssucht keinen Platz mehr fanden. Der tägliche Blick in den Spiegel war ein schmelzender Kuss oder auch ein flüchtiger Gruß, der sich nicht für Wertung interessierte.
Eine Frage hatte sie noch: Was spiegelte sie dem Spiegel? Er konnte sehen und wahrnehmen, das war gewiss. Wusste er, wer er war und wie er aussah? Eine optische Reise der Veränderungen und Verwandlungen hatte er ihr ermöglicht.
Spieglein, Spieglein an der Wand, dehne durch Fantasterei grenzenlos aus deinen Bildrand!
