Zwischen Intermezzo und Disput: Jonglage und Bredouille einer Studentin – EIN DREHBUCH


1.Szene:

Schauplatz ist ein Wohnheim für Studentinnen und Studenten, es befindet sich im 18. Bezirk in Wien. Julie Christelle Marie, eine Psychologiestudentin bewohnt seit ihrem zweiten Studienjahr die Kleinwohnung bestehend aus zwei Einzelzimmern, Küche und Bad mit WC gemeinsam mit ihrer gleichnamigen Kollegin Julie Sabrine.

Julie Christelle Marie befindet sich in ihrem Zimmer, als sie aus dem Vorzimmer ein Klopfen an der Wohnungstür vernimmt. Kurzerhand entschließt sie sich hinzugehen und die Türe zu öffnen.

Vor ihr steht einer ihrer Freunde: Émile, ein sehr erfolgreicher Student der Technischen Mathematik. Julie ist ungefähr 21 Jahre alt, Émile vier Jahre älter als sie.

Émile: „Hallo Julie, wie geht es dir? Ich wollte dir einen Coin für die Waschküche bringen, da du mir ja erst kürzlich einen geborgt hast.“

Julie Christelle: „Hallo Émile, danke mir geht’s nicht ganz so prächtig. Komm gerne herein.“

Émile: „Warum, was ist los? Ist etwas geschehen?“

Kraftlos sinkt Julie auf einen Sessel, der hinter dem Schreibtisch steht und zeigt auf eine Zeitung. Émile scheint besorgt zu sein.

Julie Christelle: „Zu meinem eigenen Schaden hab‘ ich mir die Maturazeitung wieder durchgelesen – insbesondere den Artikel über DEN Lehrer …“

Émile: „Ich kann das tatsächlich überhaupt nicht nachvollziehen, warum du nicht aufhörst damit, dich selbst zu quälen. Er hat dir doch klar zu verstehen gegeben, dass er nichts von dir will. Jetzt geht es darum, das zu akzeptieren, dein Leben weiterzuleben und anderswo dein Glück zu finden. Er war doch dein Lehrer und zudem viel älter als du, vielleicht ist es besser so und du blickst irgendwann einmal zurück und bist froh über diese Wendung. Auch wenn sie dir jetzt noch so unerträglich erscheint.“

Julie Christelle Marie (ungläubig): „Das kann ich mir nicht vorstellen. Ich weiß ganz genau, dass er auch immer an mich denkt und mich ebenso sehr liebt wie ich ihn.“

Émile: „Aber du weißt es nicht …“

Julie Christelle: „Ich hab‘ eine Idee. Ich zeig‘ dir das Video, das ich ihm geschickt habe. Es besteht aus Szenen einer Serie. Dadurch bin ich für immer mit ihm verbunden.“

Julie schiebt eine Videokassette in den Videorecorder, schaltet den Fernseher ein und drückt auf Play, während Émile davor am Boden Platz nimmt. Sie schauen sich gemeinsam das ungefähr 5–10-minütige Video gemeinsam an. Danach scheint Émile zutiefst berührt zu sein.

Émile (bekümmert): „Für mich wird nie eine Frau so ein Video machen.“

Julie (denkt in sich selbst hinein, ohne dass es Émile mitbekommt): „Die meisten Männer auf der Welt bekommen kein solches Video, zumal es kaum Frauen gibt, die so verrückt sind wie ich.“

Schließlich dreht sie sich zu Émile und spricht fast prosaisch.

Julie: „Hingegen der Lehrer war total undankbar und wenig begeistert darüber.“

Émile: „Würdest du mich heiraten und mit mir Kinder bekommen? Ich würde deinen Nachnamen annehmen und nach dem Studium mit dir zurück in deinen Geburtsort gehen. Ich will sowieso nicht in Wien bleiben.“

Julie: „Nein, es tut mir leid, aber ich kann nur meinen Lehrer so sehr lieben. Ich bin für ihn bestimmt und irgendwann werden wir auch zusammen sein. (auf ein familiäres Babyfoto zeigend) Zudem will ich ein Baby bekommen, das genauso aussieht wie mein kleiner Bruder.

Émile (sie beeinflussen wollend): „Dann musst du einen Mann heiraten, der blonde Haare und blaue Augen hat.“

Émile steht auf, er wirkt irritiert und emsig zugleich, er erwähnt, dass er nach den Sommerferien für ein Semester nach Paris gehen werde, um dort zu studieren und überreicht ihr einen kleinen Zettel mit seiner E-Mail-Adresse. Dann verabschiedet er sich von Julie und verlässt die Wohnung.


2.Szene:

Etwa ein Jahr später, kurz nach Émiles Rückkehr aus Paris. In der Zwischenzeit hat Julie mit ihren Eltern über Émile gesprochen. Ihr Vater war der Meinung, dass es an der Zeit wäre, die Vergangenheit zu überwinden und hat Julie dazu ermutigt, diesem aufmerksamen Studenten eine Chance zu geben. Sogar ihre Großeltern väterlicherseits bearbeiteten sie diesbezüglich. Location ist erneut Julies Studentenzimmer. Es ist Abend, als es an ihrer Zimmertür klopft. Sie sitzt in ihrem Bett.

Julie: „Ja, bitte?

Émile: „Salut Julie Christelle! Julie Sabrine hat mich hereingelassen. Komm‘ ich eh nicht ungelegen?“

Julie: „Salut!!! Nein, überhaupt nicht. Das ist ja schön, dich wiederzusehen, nach all der langen Zeit.“

Émile verzieht das Gesicht und bleibt in der Tür stehen.

Émile: „Ich kann aber nur kurz bleiben, ich hab‘ nachher noch was vor.“

Julie: „O.k., kein Problem. Wie geht’s dir, wie ist es dir in Paris ergangen?“

Émile: „Darüber will ich jetzt nicht reden. Ich bin hier, weil mir eine bohrende Frage im Kopf herumschwirrt: Warum hast du mir erst am Ende des Semesters geschrieben? Gleich zu Beginn hab’ ich erwartet, dass du dich meldest, jedoch ist nie etwas gekommen. Ich dachte, ich wäre dir wichtig und wir wollten in Kontakt bleiben. Und dann plötzlich gegen Ende meines Aufenthalts diese unsensibel kryptische Nachricht!“

Julie kann ihre Unsicherheit und Beschämung kaum verbergen. Sie hat diesen Frontalangriff befürchtet. Kurz nachdem Émile nach Paris gegangen war, hatte sie versucht, eine E-Mail-Adresse zu erstellen, sie hatte jenes Vorhaben bis zu diesem Zeitpunkt noch nie in Angriff genommen. Doch der Versuch schlug fehl. Erst am Ende des Semesters gelang es ihr endlich, obwohl sie nichts anders gemacht hatte. Es war Schicksal, es war, als ob höhere Mächte ihre Hände im Spiel hatten. Hingegen Julie ist peinlich berührt, zumal sie denkt, dass es an ihrer mangelnden Kompetenz gelegen hat, dass sie so eine Selbstverständlichkeit nicht vollbringen hat können. Aus Julie Sabrines Zimmer dringt ein lauter Schall von Popmusik durch die lärmdurchlässigen Wände.

Julie: „Es tut mir leid, ich hatte so viele andere Dinge zu tun, ich war sehr gestresst und emotional ging es mir ebenfalls nicht so gut.“

Émile: „Das ist für mich noch lange keine ausreichende Begründung. Gab es eine genaue Ursache dafür, ist etwas passiert? Hast du jetzt einen Freund?“

Julie: „Ja, es gibt einen bestimmten Grund für mein Verhalten, aber ich kann ihn nicht sagen. Ich kann einfach nicht.“

Émile (verunsichert): „Dann sag‘ es mir bitte! Hat es etwas mit mir zu tun?
Mittlerweile hab‘ ich eine andere Frau kennengelernt, mit der ich zusammen bin. In Paris, sie ist Studentin der Chemie, ich treffe mich jetzt danach gleich mit ihr. Ich hätte mich nie auf jemanden anderen eingelassen, wenn du dich gemeldet hättest. Indes fühle ich mich an sie gebunden.“

Julie (enttäuscht und dennoch voll positiver Anteilnahme): „Das freut mich sehr für dich, das sind gute Neuigkeiten. Vielleicht willst du mir bei Gelegenheit mehr von ihr erzählen?“

Émile: „Außerdem will ich dir noch etwas anderes sagen. Gar nichts halte ich davon, wenn du dich ständig ins Bett legst. Ich finde, du solltest tagsüber einen Überzug drübergeben und das Bett als Sofa benützen.“

Julie (erschlagen): „So, jetzt geht es mir richtig schlecht. Nun musst du gehen, damit ich richtig weinen kann.“

Julie Christelle Marie legt sich hin und schlüpft unter die Decke. Émile erkennt, was sie vorhat, sich schluchzend die Augen aus dem Kopf weinen zu wollen und redet, selbst eingeschüchtert, irgendetwas auf sie ein, um es zu verhindern. Nach einer weiteren Aufforderung von Julie verlässt er den Schauplatz.

Kaum, dass er gegangen ist, überwältigt Julie ein Tränenausbruch, sie wimmert schmerzverzerrt in ihren Polster hinein. Vorhang zu, Licht aus.


Danke, lieber Ebi, dass wir über einen längeren Zeitraum hinweg eine so schöne, tiefe Freundschaft geteilt haben. Freundschaft ist etwas Besonderes, auch wenn keine Beziehung daraus wird, davon bin ich überzeugt.

Ich denke noch immer gerne daran zurück, du warst damals mein einziger Freund, zu dem ich Vertrauen hatte. Ebenso deine Familie, die ich beim Grillfest vor dem Pavillon im Park des Studentenheims teils kennenlernen durfte, mochte ich sehr.

Trotz alledem hast du nie gewusst, wie schlecht es mir wirklich gegangen ist und dass ich keinen Studienerfolg hatte, ich habe das tunlichst verheimlicht.

Es hat alles so kommen dürfen, es war wirklich göttlich geführt. Und ich fühle und glaube aus tiefster Seele, du hättest mit mir durch all das, was noch auf mich zugekommen ist, nicht hindurchgehen wollen. Dennoch bedeutest du mir sehr viel und das wird auch so bleiben.

Ich hoffe von Herzen, es geht dir gut und du verbringst sowohl privat, als auch beruflich, ein erfülltes, angenehmes Leben voller Freude, Gesundheit und zauberhafter Glücksmomente!

Alles Liebe, Gute und Schöne für dich für allezeit.

Herzensgrüße,

Barbara