Bislang Unausgesprochenes in Bezug auf die Forensik


In einer Vielzahl der Fälle hatte der „typische“ forensische Patient, so wie ich ihn kennengelernt habe, in der Regel die Schizophreniediagnose und hat in einem Zustand des „Sich-massiv-Bedroht-Fühlens“ lediglich versucht, sich selbst zu verteidigen, da er gedacht hatte, dass man ihn so sehr verletzen wollte.

In seiner Biografie fanden sich – wenn man hinsehen wollte – zumeist Missbrauch und/oder Mobbing-Erfahrungen, an denen vielfach Täter beteiligt waren, die tatsächlich aus niederen Motiven gehandelt hatten, sozusagen „böse“ Absichten hatten und in vollem Bewusstsein jemandem schaden wollten.

Aber vielleicht kann man das nicht so einfach voneinander trennen, möglicherweise ist jeder, der jemandem Gewalt antut, aus welchen Gründen auch immer, in irgendeiner Form von Schmerzen gequält. Die forensischen Patienten mit gefährlicher Drohung als Delikt, denen ich begegnet bin, waren froh, dass nicht mehr passiert war. Sie waren alles andere als bösartige Psychopathen.

Meiner Wahrnehmung nach wird dies von der Allgemeinheit jedoch nicht erkannt, zumal es öffentlich auch nicht aufgeklärt wird. Sensationsgier für das Schlechte verkauft sich eben besser. Der forensische Patient ist oft so in der Defensive, dass es ihm selbst nicht bewusst ist, dass sein Handeln durch die Lebensumstände und durch Gewalt von außen mitausgelöst wurde. Er fühlt zwar, dass er nicht anders handeln hätte können, hat aber oftmals keine Erklärung dafür und fühlt sich unendlich schuldig und – krank. Obschon er während der Straftat gedacht hatte, er würde etwas Gutes tun, so war es in mannigfachen Fällen.

Er bezahlt also nicht nur für seine eigenen Taten, sondern sühnt auch für jene Übeltäter mit, ist hingegen ganz allein der Ächtung ausgesetzt.

Des Weiteren habe ich beobachtet, dass oft jene Menschen gegen forensische Straftäter so sehr hetzen, die selbst zu Wutausbrüchen und Ausrastern neigen, selbst emotionale und/oder körperliche Gewalt ausüben (oder ausgeübt haben) und/oder Angst vor Kontrollverlust haben.

Sich auf andere zu fokussieren und sie bezahlen zu lassen, scheint für jene wohl der einfachste und wünschenswerteste Weg zu sein, um von sich selbst und der eigenen Gewalt abzulenken.


Ein weiterer Missstand herrscht bei den forensischen Gutachten.

Wenn ein Gutachter den Respekt und die ehrliche Auseinandersetzung, die er dem Patienten schuldet, die Ehrfurcht vor diesem Menschenleben davon abhängig macht, wie viel Geld er dafür bekommt, ist er in diesem Beruf fehl am Platz. Das soll nicht heißen, dass ich diesbezüglich nicht für eine faire Entlohnung hinsichtlich seines Aufwands bin, das bin ich.

Doch finde ich es profan und unangemessen, den finanziellen Aspekt hier vorn anzustellen. Aus meiner Sicht ist der hauptsächliche Grund dafür, dass viele Gutachten so wenig Qualität aufweisen, der, dass der gestellte Auftrag an sie unerfüllbar ist.

Hier ist im Gesetz ein Denkfehler verankert, zumal meiner Meinung nach nur jemand, der den Patienten über längere Zeit hinweg begleitet hat, etwas dazu sagen kann. Wobei auch diese Prognose nicht stimmen muss.

Doch die Lage sah damals so aus, dass der Gutachter sich eine Stunde Zeit nahm und dann über etwas urteilte, das er nicht wissen konnte. Ein Spiel mit Menschenleben eben.

Das, was hier verlangt wurde, war unmöglich, schlicht und ergreifend einfach nicht seriös machbar. Obwohl das Gutachten als Gewissheit galt und als solche gehandelt wurde, die gesamte Zukunft der Patienten daran hing. Der Patient ist kein Forschungsobjekt, sondern ein Mensch.

Meiner eigenen Erfahrung nach geht es bei diesen Gutachten viel um den Symphatiefaktor, wie man dem Gutachter zu Gesicht steht, was für ein Gefühl der Gutachter bei einem hat, und dieses ist häufig sehr stark subjektiv verfärbt.

Während meines eigenen Gutachtens spürte ich, dass ich dem Gutachter ein gutes Gefühl geben musste, in Bezug auf mich selbst und in Bezug auf sein Ego, dass er sich mit mir wohl fühlen musste. Totale Unterwerfung war gefragt, was wirklich passiert war, war zweitrangig. Ich stand enorm unter Druck dabei, zu beweisen, dass ich ungefährlich bin. Er schrieb fast alles in dieses Gutachten, was ich ihm sagte, ohne viel Näheres zu fragen. Seiner Meinung nach wäre ein Wohnen zuhause bei der Familie gut vorstellbar gewesen – eine definitive Fehlprognose. Dennoch war er ein netter Mensch, ich hatte nichts gegen ihn, doch er nahm sich viel zu viel heraus. Beispielsweise schloss er aus einer Zeichnung, die er mich machen ließ – einen Apfelbaum – dass ich eine retardierte Persönlichkeit wäre. Deswegen war ich lange Zeit über sehr betroffen und verletzt, in der Kunsttherapie im Übergangswohnhaus zeichnete ich daraufhin den schönsten Apfelbaum – so gut ich es eben konnte. Ein anderer Klient sagte: „Schick eam den Bam und geh in Revision!“ – er wusste nicht, dass ich sowieso entlassen worden war. Ich musste so viel lachen über diesen lieben, herzigen Kommentar, auch heute lache ich noch. Die Psychologin auf der Forensik meinte zuerst sehr sachlich: „Frau Koller, an dem Bam werden wir uns nicht aufhängen!“, daraufhin mussten wir dann beide schmunzeln.

Ich bin den Betreuern der Nachbetreuungsfirma heute noch dankbar, dass sie darauf bestanden, dass ich nach allem, was geschehen war, selbstständig wohnen musste. Als der Leiter der Nachbetreuungsfirma einem Kollegen die Betreuungsräumlichkeiten zeigte, traf er auf mich und den vorhin erwähnten Klienten und sagte: „Das ist der Herr X, der in seinem Leben viele Hürden überwunden hat und Steine entfernen musste …“

„DIE IN DEN WEG GELEGT WORDEN SIND!!“, schoss es aus dem Klienten heraus. Ich musste immer so viel lachen mit ihm. Er eckte überall an, wo er nur konnte.

Zurück zum Gutachten: Ich spürte, dass wenn ich dagegen aufbegehren würde, den gesamten Ablauf meine ich, es horrende Konsequenzen für mich hätte, ich den Kürzeren zöge. Denn ich wusste, ich würde in diesem Spiel der Machtdemonstration mitspielen müssen und dagegen ankämpfen, sobald ich frei wäre.

Ein nicht unwesentlicher Gesichtspunkt für die Gutachter spielt die Einschätzung, inwieweit der Patient noch „krank“, respektive in der Psychose ist. Dabei hat eine Psychose ihre eigene Intelligenz und Bedeutung, man soll nie sagen, dass das ein Blödsinn wäre, was der Patient sagt. Außerdem müsste man dann jeden Menschen, der eine Psychose hat, einsperren, das ist nicht das, was wir wollen, oder? Was ich damit sagen will, ist, dass ein Mensch der eine Psychose hat, nicht automatisch gefährlich ist entgegen der Vorgehensweise der Gutachter.

Während ich auf der Forensik war, hatte ich einen blanken Horror davor, eine chronische Verstopfung von den Medikamenten zu bekommen. Es herrschte der Grundsatz: „Eine Verstopfung ist kein triftiger Grund, um an der Medikamenteneinstellung etwas zu ändern.“

Tragischerweise bekam eine Patientin Darmkrebs und einen Seitenausgang, sie hatte immer darum gebettelt, die Medikamente reduziert zu bekommen. Friederike verstarb im Jahr 2017 auf der Forensik, nachdem sie unendlich viele Jahre dort verbracht hatte.

Als ich noch dort war, lag ich abends angst- und schmerzverzerrt im Bett, hatte mit den eigenen Horrorvisionen und den Nebenwirkungen von Medikamenten zu kämpfen. Ab und zu konnte ich mich in den Schlaf weinen, meistens war ich aber zu erstarrt. Indessen andere Macht ausübten.

Zahllose Patienten haben nie irgendjemanden, der sie tröstet, wenn es ihnen schlechtgeht. Nachdem ich Friederike getröstet hatte und ihr meine ganze Nähe und Wärme versucht hatte zu geben, durfte ich sie als eine der wenigen beim Vornamen nennen. Es war mir eine Ehre, wirklich, Friederike. Jahrelang hab ich um dich getrauert und war ebenso sehr wütend. Möge alles Schöne dich nun umgeben und mögest du unbegrenzt glücklich sein.

Außerdem hörte ich von einer Patientin, deren Kot über den Mund hochkam. Eine Verstopfung ist eine ernstzunehmende Nebenwirkung und kann viel Schaden verursachen. Manche Patienten bekamen einen richtigen Cocktail aus Medikamenten, was dies sehr begünstigte.

Bei meiner Schwester war es auch so, dass sie durch Psychopharmaka zehn Tage lang nicht mehr groß aufs Klo gehen konnte, woraufhin sie ins Krankenhaus kam. Meine Schwester und ich haben zudem eine leichte Demenz bekommen, können manchmal nicht mehr so weit überlegen. Ich zum Beispiel vergesse oft, dass ich etwas im Blog schon erwähnt habe, meine Gedanken wiederholen sich vermehrt.

Die Psychiatrie und die Forensik dürfen die körperliche Gesundheit der Patienten im Auge behalten, das ist sehr wichtig, das wünsche ich mir von Herzen.

Keiner hat mir je gesagt, dass ich meine Leber entgiften soll, womit ich nach über zwanzig Jahren Psychopharmaka-Therapie erst vor zwei Monaten begonnen habe. Dabei mache ich eine dreimonatige Kapselkur, zweimal im Jahr. Das ist nicht nur für die Lebergesundheit wichtig, da Psychopharmaka diese ja belasten können, sondern kann sich auch positiv aufs Gewichtsmanagement auswirken.


Darüber hinaus erinnere ich mich an eine Patientin – sie hatte das Bett im Schlafsaal direkt neben mir – die in heftiger Verzweiflung die ganze Nacht im Schlaf unbewusst durchstampfte. Sie hob ihr linkes Bein alle zwei Minuten schnurstracks in die Höhe und ließ es daraufhin mit voller Wucht auf das Bettgestell aus Eisen donnern. Wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, war der Schlafsaal hellwach und ich hatte trotz Doppelohropax mit meiner Geräuschangst jedes Mal fast einen Herzinfarkt. Die Patientin hatte Epilepsie und wurde tagsüber vom Pflegepersonal ziemlich arg herabgesetzt, woraufhin sie die ganze Nacht durchstampfte, so ihre unterdrückten Gefühle zum Ausdruck brachte. Einmal sagte ich es den Pflegern, als sie ihre nächtlichen Kontrollgänge machten, infolgedessen versuchte ein Pfleger die Patientin darauf aufmerksam zu machen, indem er zu ihr sagte: „Här des Staumpf’n‘ auf!“, was sie nicht mitbekam, zumal sie keine Kontrolle darüber hatte.


Bevor ich auf die Forensik kam, war ich auf der Allgemeinen Psychiatrie, wo man mich oft so niederspritzte, dass ich tagelang schlief. Die Stimmung war aufgrund meiner negativen, aggressiven Haltung so aufgeheizt, dass niemand getrauert hätte, wenn ich nicht mehr aufgewacht wäre, so weit kann ich die Situation einschätzen. Eine düstere Zeit für mich.

Aber ich bin wieder aufgewacht, ihr Lieben, und ich will für euch da sein, euch mit mir auf eine gedankliche Reise und in meine Träume mitnehmen, für mich selbst und für euch schreiben, generell Menschen meine Zeit und Gegenwart schenken. Ich weiß, dass eines Tages der Zeitpunkt kommen wird, wo psychisch besondere Menschen nicht mehr als krank und gefährlich gesehen werden, sondern von vornherein ihre Begabungen und ihr besonderer Weg im Vordergrund stehen werden. Derzeit leben viele Menschen – wie eine liebe Freundin gestern zu mir gesagt hat – eine ganze Industrie lebt gut davon, dass das System so ist, wie es ist, die es mehr noch für richtig und angebracht halten. Alles, was ich oben geschrieben habe, bezieht sich auf den aktuellen IST-Zustand, auf den bin ich eingegangen.

Ein ausgleichender Frühlingszauber zum Abschied für heute, lasst uns alle nicht vergessen oder übergehen, dass das Göttliche in uns allen ist.

Heute ist so ein wundervoller Tag, ich habe mich schon von den zitronenfaltergelben Sonnenstrahlen küssen lassen und mit freundlich pfiffigen Plaudereien in der Bäckerei geliebäugelt. Lassen wir die Urteile und vor allem Verurteilungen beiseite und genießen wir Liebe und Freundschaft miteinander. Wir müssen uns nicht so fremd sein und schon gar nicht gleichgültig. Tauchen wir zusammen ins Glück, in unser aller Träume ein!!! Gut dazustehen oder die Illusion, besser zu sein als andere, machen nicht wahrhaft froh und bringen schon gar nicht das Glück, das wir in liebevoller, ehrlicher Gemeinschaft auf Herzensebene spüren. Das weiß ich noch aus meiner Kindheit, einer Zeit der instinktiven Authentizität. Schnipsen wir die Angst in den Wind und machen wir den ersten Schritt. Der Tag bietet Tausende Gelegenheiten dazu, also wann, wenn nicht heute?

Alles Liebe und elfenhafte Regenbogengrüße mit wunderartigen Schmetterlingen,

eure Barbara