Leseweltenbummler: innen – Rezension zu „Frau Komachi empfiehlt ein Buch“ von Michiko Aoyama


In einer Welt, in der Technologie, Fernsehen, Computer, Handys und Internet zunehmend die Oberhand über unser Leben gewinnen, ist die ungekünstelte, aufrichtige Wirkkraft der Bücher nach wie vor eine nicht zu unterschätzende.
Hiermit kann durch Simplizität des Handelns (durch das Lesen) eine Komplexität von geistiger Vorstellungskraft, Bewusstsein und Fantasie erreicht werden.

Der 1970 geborenen, japanischen Autorin Michiko Aoyama gelingt mit dem 2023 erschienenen Roman „Frau Komachi empfiehlt ein Buch“ der literarische Spagat zwischen individuell kreativer Verwirklichung und alltäglichen Verpflichtungen unter realistischen sowie fantasievollen Gesichtspunkten, indem sie fünf Charaktere in verschiedenen Lebenssituationen, also fünf Abschnitte erschafft. Jene Protagonisten befinden sich in ihren Berufen, Glaubenssätzen und Gewohnheiten in einem seelischen Konflikt, der eine Neuorientierungsphase nach sich zieht.

Das vorabsehbare Schicksal führt sie in eine Gemeindebibliothek in Tokio, wo eine magische Begegnung mit der außergewöhnlich tiefschürfenden Frau Komachi auf sie wartet.

Diese empfiehlt ihnen ein unerwartetes, in Anbetracht ihres Anliegens untypisch anmutendes Buch, das viel kreativ gedanklichen Spielraum zulässt und sie zur Selbstbesinnung anregt.

Zudem schenkt sie ihnen allen einen symbolischen Stoffgegenstand aus Filz, der eine bildliche, vielversprechende Botschaft für ihr Leben bereithält und zum Utensil bzw. zur Kurbel für eine mentale und weltliche Veränderung wird.

Inhaltsangabe

Die 21-jährige Bekleidungsverkäuferin Tomoka, die in einem Kaufhaus arbeitet, sieht ihre Arbeit vorerst als nichts Besonderes und will keinesfalls als monoton berechenbare Angestellte alt werden.

Um etwas an ihrer Lage zu verändern, fehlt ihr jedoch die nötige Kraft („… ich habe null Energie.“). Sie benutzt öfters das Wort „cool“ und überlegt sich, was sie dazu bewegt, es auszurufen.

Meine Gedanken dazu:

Ist das, was man cool findet, oft oberflächlich?

Ist man von weltlichen Errungenschaften schnell einmal geblendet? Von etwas, das man selbst nicht aufzuweisen glaubt? Das affektive Fashion Word “cool“ drückt für mich Bewunderung und Verblüffung für etwas Originelles oder eine überraschende Novität aus. Weiters entspricht es dem aktuellen Zeitempfinden und manifestiert die Begeisterung für den geschmacklich persönlichen „letzten Schrei“.

Menschen erzeugen oft ein Bild von sich selbst, wie sie in der Gesellschaft gesehen werden wollen, ohne sich abermals immer so zu fühlen oder danach zu leben.

Frau Komachi legt Tomoka ein Kinderbuch ans Herz, das zum Motor für Tomokas Generalüberholung wird. Ihr wird klar, dass die Ernährung, der Lebensraum und die Gewohnheiten ein Spiegelbild des Inneren darstellen. Somit probiert sie sich aus im Backen und Kochen, ihre Mühe wird zur Freude, sie wächst über sich selbst hinaus. All das, was so anstrengend schien, ist plötzlich lohnend und eine schöne Herausforderung, ein genussvoller Zeitvertreib, weil es sich so sinnvoll anfühlt, etwas Achtsames für sich selbst zu tun, es verschafft Befriedigung und Zufriedenheit.

Zudem kommt ihr zu Bewusstsein, dass sie mit ihrer eigenen Haltung entscheidet, was für sie eine emotionale Wirklichkeit wird. Am Ende ist sie glücklich und dankbar über ihre Arbeit und will sich zusätzlich durch einen Computerlehrgang weiterbilden.

Der 35-jährige Buchhalter Ryo träumt davon, einen Trödelladen mit Antiquitäten zu betreiben. Frau Komachi macht ihn darauf aufmerksam, dass wenn er das Wort „irgendwann“ diesbezüglich benutzt, dies automatisch ein Traum bleiben werde, was nichts Schlechtes sei, vielmehr eine Lebenseinstellung, die das Träumen zum Ziel habe, eben. Ryo begreift, dass die Verknüpfung von Realität und Traum wichtig ist, dass sowohl Brotberuf, als auch Leidenschaft gleich wichtig und wertvoll sind.

Dass man REISEN kann, wenn man in Gesprächen mit verschiedenen Menschen eintaucht, auch wenn man sich das Reisen in ferne Länder nicht leisten kann oder keine Zeit dazu hat.

Wenn man einen Gegenstand in Händen hält, kann man sich fragen, welchen Weg er zurückgelegt hat, bevor er zu einem kam und welche Bedeutung man dem geben will – dieser Gedankensplitter fasziniert Ryo in Bezug auf Antiquitäten.

Letztlich kann er seine Ängste und Vorbehalte überwinden und gewinnt Vertrauen ins Leben, will seine Freundin Hina heiraten und beschließt mit ihr sein eigenes Geschäft zu eröffnen.


Natsumi, die 40 Jahre alt ist, ist zermürbt und frustriert darüber, wie schwer Beruf und Familie vereinbar sind, zumal sie nach der Geburt ihrer Tochter in der Karriere zurückstecken muss. Als sie die Bibliothek aufsucht, schreibt ihr Frau Komachi das Kinderbuch „Das Tor zum Mond“ auf die Leseliste.

Schließlich wird sie aktiv darin, ihr Leben zu verändern und neue Möglichkeiten tun sich auf.

Was zuvor eine unüberwindbare Schwierigkeit zu sein schien, wird nun zur Sprungschanze, sie findet Arbeit in einem Verlag der Kinderbücher herausgibt (ebenso „Das Tor zum Mond“) – ein Ort, an dem Kinder herzlich willkommen sind und keinesfalls als Last gesehen werden. Sie erkennt, dass sich die Perspektive ändern kann, wenn man die Umgebung wechselt, je nachdem in welcher Region der Erde man sich gerade aufhält. Der Mond steht außerdem nicht nur für die Mutterschaft und die Betonung des Weiblichen, sondern auch für den Wandel, die Zyklen im Leben.

(aus dem Film “Baby Boom“ 1987 von Charles Shyer)

„53% der arbeitenden Bevölkerung in Amerika sind FRAUEN. Drei Generationen von Frauen haben eine jahrhundertealte Tradition auf den Kopf gestellt. Als sie kleine Mädchen waren, hat man ihnen gesagt, sie sollen erwachsen werden und Ärzte und Anwälte heiraten. Sie sind zwar groß geworden, aber selbst Ärzte und Anwälte geworden. Sie haben Heim und Herd verlassen und sitzen jetzt in den Vorstandsetagen. Soziologen sagen, die neue arbeitende Frau ist ein Phänomen unserer Zeit.“ – 😇

Diese Worte zu Beginn des Films, eingebettet in die bemerkenswerte Wolkenkratzer-Architektur New Yorks haben mich schon als junges Mädchen immer elektrisiert, sind ein imposantes Erlebnis mit Gänsehaut und Pulsbeschleunigung für mich geblieben. Untermalt von schwungvoll demaskierender Musik, die für mich Toughness und Kühnheit ausstrahlt.


Hiroya ist ein dreißig Jahre alter Graphiker und arbeitslos. Durch die Buchempfehlung und einem Flugzeug aus Filz als Dreingabe von Frau Komachi beginnt er, die Bücherei des Öfteren aufzusuchen, um zu zeichnen und gewinnt dadurch neue Lebensfreude und ein Erwachen aus der Lethargie.

Später bekommt er eine Teilzeitanstellung in dem Gemeinschaftszentrum, in dem sich die Bibliothek befindet, wo er sich auch mit schöpferischen Illustrationen einbringen kann.

Im Nachhinein ist er seiner Mutter sehr dankbar, dass sie ihm nie böse war, als er „nur“ zu Hause war.

Wenn jemand nicht in der Lage ist zu arbeiten, zum Beispiel aus Unsicherheit und durch eine negative Selbstwahrnehmung eines tollpatschigen Nichtsnutzes, scheinbar alles schief geht, was er anfasst, hilft es nicht, zusätzlich Druck auf ihn auszuüben.


Der soeben pensionierte Masao hat mit seinem Arbeitsleben offenbar abgeschlossen und fristet nun im Alter von 65 Jahren seinen Alltag in trostloser Routine. Er entdeckt durch die von Frau Komachi nahegelegte Lektüre und die Filzkrabbe seine Liebe zur Poesie, findet in ihr gedankliche Verknüpfungen zu seinem eigenen Leben und schafft das Verlassen eingefahrener Handlungen. Er will sich nicht länger gehen lassen, genießt die Besonderheit der Bücher und angeregt von Tomoka aus Episode eins beginnt er, aktiv zu werden, sich neu zu interessieren und für seine Frau Reisbällchen zu kochen.

Interpretation:

Für mich geht es in diesem Buch in erster Linie um Achtsamkeit und Subtilität. Einander wahrnehmen, Gesten der Aufmerksamkeit setzen, Zeit und Überlegung schenken – ich verstehe dies als Aufruf, sich umeinander zu kümmern, aufeinander zuzugehen, besonders vor dem Hintergrund der Anonymität einer Metropole.

Darüber hinaus wird deutlich, dass dem, der an Synchronizität glaubt, Wunder passieren. Die Bibliothek fungiert hier als Ort der zündenden Inspiration und Gemeinschaft, des Zusammenhalts. Schicksale verbinden und überkreuzen sich in diesem Roman episodenübergreifend, eins fügt sich zum anderen, was einen stimmigen, abgerundeten Gesamteindruck erzeugt.

Die Filzarbeit als Meditation von Frau Komachi wird zum Symbol der Sinnhaftigkeit in der Aktivität und im Feingefühl, zur Proklamation des ständig möglichen Neuanfangs durch die Formbarkeit von Filz (ähnlich wie bei Tonarbeiten).
Wobei die fünf Protagonisten ungewöhnlich gesprächig und reflektiert auf die Bibliothekarin reagieren, unermesslich ehrlich sich selbst und anderen gegenüber sind.

Eine weitere Botschaft scheint mir zu sein: Man kann Neues ausprobieren, immer und immer wieder, ohne den Wechsel des Arbeitsplatzes als Niederlage zu empfinden, des Weiteren kann es bereichernd sein, die Vielfalt der Möglichkeiten zur Selbstentfaltung, um sich selbst in verschiedenen Situationen kennenzulernen, zu fördern.

Die Absehbarkeit der beratenden, fast therapeutischen Rolle von Frau Komachi zieht sich wie ein roter Faden durch alle fünf Geschichten. Mit jeder Erzählung vervielfacht sich der Eindruck von ihr für den Leser, da jede/r Erzähler/in sie ein bisschen oder auch ganz anders wahrnimmt und beschreibt. Die Vorstellung von ihr vervollständigt sich, obwohl sie mystisch und nicht greifbar bleibt.

Ich stelle mir Frau Komachi als eine auffallend distinguierte, adrette, feine Frau vor, deren Korpulenz und Wuchtigkeit nicht im Geringsten irgendetwas an ihrer Intuition, Clairsentience, Ruhe und Feinheit mindert. Die sich für Menschen interessiert und mit Akkuratesse und Liebe zum Detail ihre Berufung darin sieht, Menschen mit der sorgfältigen Auswahl von Büchern wegweisende Impulse und Richtungen für ihr Leben aufzuzeigen und mitzugeben, indem sie aufmerksam zuhört und wahrnimmt, ihre Empfehlungen auf die Bedürfnisse der Kunden abstimmt.

Denn ein Buch kann – genauso wie ein Film – das Leben eines Menschen bedeutend beeinflussen und verändern, dessen ist sie sich gewahr.

Immer weist sie auf ein Buch hin, das anscheinend kaum etwas vordergründig Plausibles und Realistisches mit dem Anliegen des Besuchers zu tun hat – und genau darin zeigt sich ihre besondere exotische Begabung und Fantasie, denn dies sind die querverbindenden Werke, die Psyche und Bewusstsein der Kunden am meisten berühren und verwandeln.

Die Art, wie dieses Buch geschrieben wurde, hat für mich etwas von der Zutraulichkeit, Menschenfreundlichkeit und Instinktbegabung eines therapeutischen Labrador-Hundes.

Sie löst Hoffnung und Zuversicht, Leichtigkeit, innere Einkehr und Tranquilität in mir aus.

Zartgefühl, das sich wärmend um mein Herz legt, es umschmeichelt. Wie ein Waldbächlein, in dem sich die sanften Strahlen des Sonnenaufgangs spiegeln. Wie ein wohlwollendes, anteilnehmendes Schulterklopfen – Wohlfühllektüre in vollendeter Weise.

Für mich das richtige Buch zur richtigen Zeit – die Angestellte in der Buchhandlung meines Vertrauens hat mich WAHRGENOMMEN …

“Ever changing times“ von Siedah Garrett ✨❤️

Meine Gefühle tanzen träumend, simultan summend, den lieben langen Tag unretuschiert singend mit den Worten in diesem Lied wie mit kosmopolitischen Schimmeln im rutschigen Eiltempo während einer kontemplativen Kutschenfahrt durch die spiegelglatte Milchstraße. Fliegen als Himmelskörper-Primadonnen durch vehement tränenseliges Prononcieren.


Ihr Lieben, habt eine wundervoll feine Zeit mit stimmungsschöner Beschäftigung, erfüllender Achtsamkeit und mit versöhntem, katalysatorischem Wandel.

Halten wir das Feuer in uns lebendig, lassen wir es passioniert und freudestrahlend glühen!!

Heitere Grüße aus meinem Herzen und alles, alles Liebe!

Eure Barbara 🌹

Jungscharlager 1990